Ein Männlein steht im Walde

Nachdem ich im letzten Blogpost schon kurz erläutert habe, wie der Fliegenpilz und die Weihnachtszeit zusammenhängen, möchte ich heute noch ein bisschen mehr über diesen zauberhaften Pilz erzählen.
Seine Dämonisierung hat super funktioniert, denn jedes kleine Kind weiß bereits, dass der Fliegenpilz zwar lustig ausschaut und uns auch heute noch als Glückssymbol, in Märchen, Liedern und Illustrationen (sogar meist in Kinderbüchern) ständig begleitet aber pfui und giftig ist.
 

Aber ist das wirklich so? Laut dem Ethnopharmakologen Dr. Christian Rätsch soll der Fliegenpilz, richtig zubereitet (!) zum weltweit dritthäufigsten, nicht kultivierten Speisepilz gehören und enthält angeblich keinen einzigen toxischen Wirkstoff der einen Menschen töten könnte, aber wohl 4 berauschende Wirkstoffe. Das wird auch der Grund gewesen sein ihn so zu verteufeln, dass niemand mehr in Versuchung kommt mit ihm auf rauschige Reisen zu gehen. Wir sprechen hierbei nicht von Rausch im Sinne von zudröhnen oder Party machen, sondern so wie bei Schamanen und unseren Ahnen üblich, psychoaktive Pflanzen und Pilze zur Bewusstseinserweiterung zu nutzen und sich mit ihnen zu verbinden.


In dem Buch "Magister Botanicus" ist nachzulesen, dass vor scheinbar noch nicht allzu langer Zeit zu Samhain (Halloween bzw. Allerheiligen) die Großmutter liebevoll Fliegenpilz Tee für die ganze Familie zubereitet hat, der vorm Schlafengehen zusammen getrunken wurde. Am nächsten Morgen erzählten sich die Familie dann beim Frühstücks Kaffee & Kakao was sie Schönes geträumt haben und deuteten gemeinsam ihre Träume. (Jeder darf sich das jetzt mit seiner Familie vorstellen.) Gut, ich möchte hier nichts verharmlosen und euch auch nicht zum familiären Fliegenpilzkonsum animieren, aber zumindest versuchen den Fliegenpilz Kult, der sich bis heute erhalten hat, ein bisschen aufzudröseln.

Man muss sich ja auch nicht gleich alles einverleiben. Pflanzen und Pilzen kann man, wie anderen Lebewesen auch, ebenso auf seelischer Ebene begegnen.
Oft reicht es, sich neben sie hinzusetzen, sich in ihren Bann ziehen zu lassen, zu lauschen, zu sehen und zu fühlen. Oder sich ein Blatt oder eine Blüte auf die Haut zu legen oder ins Haar zu stecken (sofern es sich nicht um Pflanzen handelt die unter Naturschutz stehen oder die auch durch intakte Haut toxisch wirken können) Neben Fliegenpilzen zu sitzen kann ich da wirklich sehr empfehlen.
 

Getrocknete Pflanzen oder Pilze kann man auch, so wie auf dem Bild, verräuchern und so den Pflanzengeist zu sich einladen. Natürlich bitte auch hier vom Inhalieren und Verräuchern toxischer Pflanzen absehen. Aber eben auch nicht alles verteufeln nur weil die orale Einnahme sehr abenteuerlich wäre oder vielleicht auch kein gutes Ende nehmen würde.
Aber dafür wurde dann wahrscheinlich der Fliegenpilz aus Plastik erfunden, als Glücksbringer und gefahrlosen Ersatzkult, denn Plastik lässt sich bekanntlich weder essen noch rauchen, geschweige denn, dass es als bewusstseinserweiternd gilt.
Dann lieber doch der echten Pilz. Ja, eine Prise davon kommt bei mir nebst,  Beifuß, Salbei, Fichtennadeln und Fichtenharz in die weihnachtliche Räuchermischung.
Wenn der Pilz für unsere Ahnen in der dunklen Jahreszeit so wichtig war, möchte ich das weiter in Ehren halten. Und nein, ich flieg jetzt nicht durchs ganze Haus. Vielleicht ein bisschen wenn ich zu nah am Stövchen sitze, aber sicher weniger als ich es nach 1 Tasse Punsch tun würde. Der wird ja auch nicht so verteufelt, außer er ist picksüß, verwässert und überteuert. Aber guter Punsch ist ein anderes Thema.