Nicht hysterischer Melissengeist

Hysterie schien im 19. Jahrhundert eine weibliche Volkskrankheit gewesen zu sei. Kein Wunder, bei den damals üblichen Behandlungsmethoden sich zur Beruhigung in die vertrauensvollen Hände eines Arztes zu begeben um sich von diesem zum Orgasmus bringen zu lassen, oder sich hochoffiziell ein Gläschen "Geistiges", zu gönnen.
Hierzulande landete über viele Generationen vor allem Melissengeist im Gläschen und das verwundert nicht (im Gegensatz zur ersten Methode) denn die Melisse wirkt beruhigend auf uns, an ihr zu schnuppern gleicht fast einem Orgasmus: man schließt die Augen und scheint für einen kurzen Moment in einer anderen Welt fern dem Alltag zu sein.
Das "Hysterie & Frauen in einem Topf" Medizin Kapitel ist zum Glück abgeschlossen, die Melisse kann uns aber auch heute noch, ganz unhysterisch, beruhigen und Gutes tun.

 

Die Römer haben uns die zauberhafte Melisse nach Mitteleuropa gebracht. Ihr offizieller Name lautet „Melissa officinalis“, „Melitta“ aus dem Griechischen bedeutet Honigbiene, da besonders diese Melisse überaus schätzen. Officinalis deutet auf die Wichtigkeit dieser Pflanze hin, denn dieser Titel wurde nur besonders heilkräftigen Pflanzen verliehen, die im „Officin“(Verkaufsraum der Apotheke) gehandelt wurden.
Im Volksmund wird sie auch einfach “Zitronenmelisse“ aufgrund ihres zitronigen Aromas genannt.

Als Lippenblütler, sie entwickelt von Juli bis September kleine, cremefarbene Blüten, ist sie mit den ebenso aromatischen Pflanzen Gundelrebe, Minze, Thymian, Majoran und Lavendel verwandt.
Wer sie einmal im Garten hat, muss sich keine Sorgen um ihre Vermehrung machen, sie verbreitet sich zuverlässig gerne dort wo es ihr gefällt und entwickelt mehrjährige, üppige Stauden die bis zu 80cm hoch werden können. Auf ihrem vierkantigen Stängel sitzen der Brennnessel ähnliche, gezahnte Blätter.



Schon Plinius der Ältere lobte im 1. Jahrhundert die positive Wirkung des „Bienen- oder Honigblattes“ bei Herzkrankheiten, Magenbeschwerden aber auch bei Insektenstichen oder Hysterie, die man in der Antike als "Erkrankung" der Gebärmutter wahrnahm. Man meinte, dass die Gebärmutter "wenn sie nicht regelmäßig mit Samen gefüttert werde, im Körper suchend umherschweife, bis zum Herzen aufsteigen kann und sich dann sogar am Gehirn festbeiße" 
Plinius & Co würden mit ihrer frauenfeindlichen Diagnose heute sicher einen Shitstorm ernten, dennoch kann jede und jeder für sich genderunabhängig selber prüfen, ob einem sexuelle Unausgeglichenheit ins Hirn steigt oder nicht ;)

Spätestens seit dem frühen Mittelalter hat die Melisse richtig Karriere in großen Teilen Europas gemacht, denn im 9. Jahrhundert scheint sie in der Landgüterverordnung „Capitulare de villis“ die höchstwahrscheinlich von Kaiser Karl dem Großen stammt, auf. Diese Landgüterverordnung regelte, welche besonders wichtigen Pflanzen zu kultivieren sind.

Vor allem die Benediktiner bauten die Melisse emsig in ihren Klostergärten an und ihre Kultschwester Hildegard von Bingen schrieb im 12. Jahrhundert über ihr «Binsuga» (Bienenauge) zärtlich: „Die Melisse ist warm. Ein Mensch, der sie isst, lacht gerne, weil ihre Wärme die Milz beeinflusst und daher das Herz erfreut wird.“ Hildegard wäre mit ihrer hübschen und genderfreundlichen Ausdrucksweise, im Gegensatz zu den antiken Herren, heute bestimmt eine Twitter Ikone. #hildegardtwittert

Ein paar hundert Jahre später, genau genommen im 16. Jahrhundert ehrte sie Paracelsus mit folgenden Worten: «Melissa ist von allen Dingen, die die Erde hervorbringt, das beste Kräutlein für das Herz».


Heilwirkung der Melisse
Heute wissen wir die Herrschaften hatten, Shitstrom ob ihrer Ausdrucksweise hin oder her, am Ende doch in Vielem recht.
Die deutsche Kommission E (selbsständige und wissenschaftliche Sachverständigenkommission des BfArM für pflanzliche Arzneimittel) bestätigt ihre Wirkung bei Magen-Darm-Beschwerden und bei nervös bedingten Einschlafbeschwerden.
Die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) nennt als Indikationen Angespanntheit, Unruhe und Reizbarkeit sowie Verdauungsbeschwerden und leichte Bauchkrämpfe; äußerlich zur Behandlung von Lippenbläschen bei Lippenherpes.
Ihr Können verdankt die Melisse ihren wertvollen Inhaltsstoffen, sie enthält neben entspannendem und entkrampfenden äth.Öl (Oleum Melissae mit den Hauptbestandteilen Citronellal, Citral), Flavonoide, Gerbsäuren (u.a. Rosmarinsäure) und Bitterstoffe ("Was bitter im Mund, macht den Magen gesund")

Anwendungen in der Volksheilkunde
  • Unruhe
  • Schlafstörungen
  • Depressive Verstimmungen
  • Reizbarkeit
  • (Nervöse) Magenbeschwerden
  • Lippenherpes (Gerbstoff Rosmarinsäure)
  • Entzündete Haut
  • Herzstärkung
  • Stärkung gegen Erkältungen
  • Menstruationsschmerzen
  • Migräne und Kopfschmerzen (als Einreibung)
  • rheumatischen Beschwerden (als Einreibung)
  • Wechseljahrsbeschwerden
  • Wetterfühligkeit


Am besten entet man die Blätter wie immer vor der Blüte, sie treibt nach dem Zurückschneiden nocheinmal üppig aus.


Heiliger Karmelitergeist
Die französischen Karmeliter Schwestern waren es schließlich, die den aus der Melisse gewonnenen „Karmelitergeist“ populär machten.
Die rudimentären Ursprünge dazu finden sich bereits im 12. Jahrhundert wo bereits ein Lebenselixier aus Melisse, Zitronenzeste, Muskat, Angelikawurzel und mit dem damals populärem Auszugsmittel Wein, von den Schwestern hergestellt wurde.

Diese Rezeptur wurde mit den Jahren verfeinert, aber stets hinter den Klostermauern geheim gehalten. Man vermutet, dass neben der Melisse auch Muskatnuss, Koriander, Zimt, Zitrone, Angelikawurzel, Majoran, Salbei, Rosmarin, Lavendel, Kamille, Thymian, Fenchel, Schlüsselblume, Gewürznelke, Anis, Sandelholz, Rosmarin, Brunnenkresse, Artemisia Arten, Bohnenkraut, Enzianwurzel aber auch das für uns heute giftig geltende Maiglöckchen
Einzug ins klösterliche Lebenselixier hielten.
Als „Eau de Melisse des Carmes” wurde es Anfang des 17. Jahrhunderts in Paris unters Volk gebracht um das edle Klosterwässerchen zu Geld zu machen, denn durch die vorangegangene Reformation suchten die Klöster neue Einnahmequellen.

Erst 200 Jahre später entwickelte die Ordensfrau Maria Clementine Martin in Köln durch Destillation aus diesem Vorgänger ihren
„Melissengeist“ der vor allem der vermeintlich „hysterischen“ Frau über Generationen als Notfallswässerchen stets gute Dienste leistete.
Man rieb sich pur Stirn, Schläfe und Gelenke damit ein oder nahm das Elixier tröpfchenweise mit Wasser verdünnt ein. Ausnahmen bestätigen die Regel und böse Zungen behaupten, so manche Frau hätte diesen auch Literweise getrunken, lag aber bestimmt nur an mangelnden Fingerfertigkeiten des Arztes ;)

Klosterschwester werde ich in diesem Leben keine mehr, aber ich wandle bekanntlich gerne auf den Spuren der Kräuterschwestern im Geiste.
Darum habe ich, meiner üppigen Melisse im Garten sei Dank, heuer mein eigenes Melissenwässerchen angesetzt. Da ich am Liebsten zu den Ur-Ur-Ursprüngen zurückgehe und mein Motto meist „weniger ist mehr“ lautet und ich so oder so nicht unbedingt Fan von Auszügen mit Hochprozentigem "Geist" bin, habe ich mich an die bereits oben erwähnte rudimentäre Rezeptur gehalten. Denn ich will vor allem eines: die Melisse pur genießen, ausgezogen und konserviert mit Wein und mit ein paar Gewürzen die ihren Geschmnack abrunden, verfeinert.




Nicht hysterischer Melissengeist

Zutaten
  • 1 großes Büschel Melisse
  • Zitronenzeste einer Biozitrone
  • 1/4 Muskatnuss
  • 1 TL Koriandersamen
  • 1/2 Zimtstange
  • 1 Nelkwurz oder 3 Gewürznelken
  • 1 Anisstern 
  • 1 Flasche Weißwein

Zubereitung

1. Melissen blätter behutsam von den Stängeln zupfen und dabei kleinrupfen

2. Zitronenschale mit einem Zestenreißer abziehen

3. Gewürze mörsern

4. Nelkwurz säubern und klein schneiden

5. Alle Zutaten in ein helles Glas füllen (ich nehme dafür ein Weckglas)

6. Mit Weißwein übergießen und verschließen

7. Das Ganze 3 Wochen ziehen lassen

8. Zwischendurch immer wieder im Uhrzeigersinn schwenken

9. Nach 3 Wochen abfiltern und in eine saubere Flasche füllen

10. stamperlweise genießen oder pur zum Einreiben verwenden


Statt Wein kann natürlich auch Wodka oder Korn verwendet werden, dann ist es auch eher ein "Geist" als ein "Heilwein". Als alkoholfreie Alternative eignet sich auch milder Apfelessig. Wodka oder Essigauszüge werden nach der Auszugszeit aber stets 1:10 mit Wasser verdünnt getrunken, oder 1:5 mit Wasser verdünnt zum Einreiben verwendet. Die Mengenangaben bei diesen Zubereitungen im Rezept entsprechend reduzieren, als Richtwert gelten dabei 1/3 Pflanzenmaterial auf 2/3 Flüssigkeit.



Ich wünsche euch gutes Gelingen beim Nachmachen und natürlich ausprobieren!


Hinweis: angeführte mögliche Heilwirkungen und Anwendungen von Pflanzen und Zubereitungen basieren auf dem Wissen der Volksheilkunde und sind nicht als Heilversprechen oder ärztliche Handlungsempfehlung zu verstehen!
Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultiere deinen Arzt oder Apotheker!
Schwangere

(C) naturzauber, Köhler’s Medizinal-Pflanzen