Die Schuppenwurz und ihr Sugar Daddy oder gibt es BGE in der Natur schon längst?

Vielleicht ist dir diese bizarre Schönheit schon einmal begegnet: die Schuppenwurz.
Als ich sie vor ein paar Jahren das erste mal entdeckt habe, hat es einige Zeit gedauert bis ich wusste was ich da vor mir habe, da sie neben ihren blassrosa (manchmal auch weißen oder lila) Blüten keine Blätter besitzt und damit eine wichtige Bestimmungshilfe wegfällt.
Nachdem ich dann herausgefunden hatte wer diese Schönheit ist, konnte ich anfangs aber auch sonst nicht viel über sie in Erfahrung zu bringen, schließlich gilt sie in unseren Tagen weder als heilkräftig noch als essbar und wird daher oft nichtmal in Kräuterbüchern erwähnt, was auch im nachhinein erklärt hat warum ich sie so lange in keinem meiner vielen Bücher finden konnte.


Und dennoch ist sie eine ganze besondere Pflanze über die ich daher heute etwas erzählen möchte. 

Die etwa 10-25cm große Schuppenwurz (Lathraea squamaria) ist in ihrer Blütezeit März-April vor allem auf feuchtem (Wald)Boden in der Nähe von meist Hasel-, Erlen,- Pappel-, Weide-, Buchen-, Ulmen- oder auch Fichtenbäume zu finden.
In Wien kann man sie im Wienerwald oder im Augebiet aber auch in Innenhöfen und Parks der inneren Bezirke finden. Sie gehört zur Familie der Sommerwurzgewächse in der Ordnung der Lippenblütlerartigen, in alten Büchern wird sie noch als Rachenblütler bezeichnet.
So weit so normal. Doch das wirklich Besondere an dieser Pflanze ist, dass sie sich nicht unbedingt wie eine "richtige" Pflanze verhält:
sie betreibt nämlich keine Photosynthese.

Zur Erinnerung: Pflanzen wandeln Kohlenstoffdioxid aus der Luft und Wasser aus der Erde mit Hilfe von Sonnenlicht u.a. in energiespendenden Zucker (Glukose) und den für uns Menschen wichtigen Sauerstoff um.
Das Ganze geschieht mit Hilfe des lichtabsorbierenden Farbstoffes Chlorophyll (Blattgrün) in den Zellen der Pflanze. Und genau dieses Blattgrün fehlt der Schuppenwurz.

Wie schafft sie es dennoch im Schattendaseins des Waldbodens voll aufzublühen? 
Jetzt kommt der "Sugar Daddy" ins Spiel. Denn sie lässt sich, ähnlich wie Pilze, einfach unterirdisch von einem Wirtsbaum versorgen.
Dafür verwendet sie ihr bis zu 2m langes und 5kg schweres Rhizom (Sprossenachssystem) Mit Hilfe ihrer feinen Saugwurzeln dockt sie an ihrem Sugar Daddy dem Wirtsbaum an, um sich über seine Wasserleitbahnen mit Nährstoffen (Zucker) zu versorgen und diese in ihren schuppigen Blüten zu speichern (die daher sehr fleischig und saftig erscheinen) 
D.h. sobald nach dem Winter die "Wasserleitung" der Bäume wieder in Betrieb ist, wird auch die Schuppenwurz versorgt, deswegen ist sie schon so früh in voller Blüte zu bewundern, da es ihr ziemlich schnuppe ist, ob die Sonne scheint oder nicht.
Sie zeigt sich übrigens erst als Spross im Alter von ca. 10 Jahren in der Öffentlichkeit, davor, und auch zwischen Mai- Februar, lebt sie zurückgezogen in der Unterwelt.
(Ihr Name Lathraea squamaria bedeutet übrigens: "Verborgene Schuppe" gr. lathraios= verborgen und lat. squama= Schuppe)


Wenn sie sich zeigt werden ihre Blüten gerne von Hummeln und Bienen besucht (und bestäubt)
Ihre winzigen Samen müssen übrigens direkt an einer Wirtswurzel liegen um überhaupt auskeimen zu können, meist werden sie dorthin aber bequem durch Wind, Wasser oder Ameisen kutschiert.

In früheren Zeiten hat man sie in der Volksheilkunde bei schuppigen Hautkrankheiten oder bei Zahnerkrankungen genutzt (in beiden Fällen lässt die Signaturlehre der schuppigen, zahnförmigen Blüten grüßen) aber auch bei Epilepsie.
Einer ihrer Inhaltsstoffe, Aucubin, gilt zwar als schwach giftig, aber auch als antibakteriell sowie entzündungshemmend.
Wie schon eingangs erwähnt wird sie in moderneren (Kräuter)Büchern nur sehr selten erwähnt, da sie keinen "Nutzen" für uns Menschen hat.

Warum sollte man dann für diese Pflanze Zeit und Papier verschwenden? Warum sollte man sich mit so einem Vollschmarotzer, der zwar seinen Wirtsbaum nicht schädigt aber ihm auch nichts Gutes tut und den größten Teil seines Daseins unter der Erde faulenzt überhaupt beschäftigen?

Der Begriff "Schmarotzer" stammt aus unserer Menschenwelt.
Ich denke im Wald herrschen aber andere Spielregeln. Das meiste davon ist uns Menschen verborgen, auch wenn wir denken, wir hätten alles schon so gut erforscht. Die Gretchenfrage dabei lautet: woher wissen wir, was wir alles noch nicht wissen? Was spielt sich vor unseren Augen ab, was wir mit unseren Sinnen und unsere Art zu denken gar nicht begreifen können?
Was hat meine Hündin Amy minutenlang an der Schuppenwurz erschnuppert, was ich nichtmal im Ansatz wahr nehmen konnte?

Wer weiß, was die Schuppenwurz tatsächlich 10 Monate unter der Erde treibt?
Vielleicht reicht es dem Baum als "Sugar daddy" sich einfach mit einer Waldschönheit zu umgeben?
Vielleicht ist es in der Natur auch total ok nur für kurze Zeit "Saisonarbeiter" zu sein und dafür mit einem ausgeklügelten System schon zu Frühlingsbeginn für Insektennahrung zu sorgen wo andere Pflanzen gerade erst aufwachen?
Vielleicht sagen die "mächtigen" Bäume aber auch: die Schuppenwurz kann leider keine Photosynthese betreiben, ich helfe ihr aber gerne, das bisschen weniger Saft fällt mir gar nicht auf, denn wer weiß welchen großen Plan für die Zukunft die Natur damit vielleicht sogar verfolgt (den wir aber nie erleben werden)?
Darf man eigentlich auch ohne Funktion auf diesem Planeten existieren und gibt es in der Natur vielleicht schon längst so etwas wie bedingungsloses Grundeinkommen?

In unserer Menschenwelt ist so ein Verhalten sehr schnell abgestempelt, auch wenn wir nur sehr selten alle Hintergründe kennen oder das große Ganze verstehen können.
Statt Pflanzen nach unseren Maßstäben zu bewerten könnten wir sie aber auch als Consulter heranziehen und jede Menge von ihnen lernen.

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