Sisis "Vinaigre de toilette" mit frischen Veilchen

"All ihr Sinnen drehte sich um die besten Mittel zur Erhaltung ihrer Schönheit."
Wer ist hier gemeint? Natürlich Kaiserin Sisi, das Wiener IT Girl des 19. Jahrhunderts.

Den Zitaten ihrer Nichte Marie Larisch und den Aufzeichnungen der kaiserlichen Hofapotheke sei Dank, dass wir heute von ihren Bemühungen profitieren können und Sisi ihre Schönheitsgeheimnisse nicht stillschweigend mit ins kaiserliche Grab genommen hat.
Auch wenn in der haute volée des 19. Jahrhunderts fragwürdige Beauty Präparate mit Quecksilber oder Blei (trotz aller Warnungen) sehr beliebt waren und auch Paraffin seinen Siegeszug antrat, kann man Sisis Rezepturen, mit unserem heutigen Verständnis, zum größten Teil als Naturkosmetik bezeichnen, Ihre Majestät schwor auf hochwertige Pflanzenöle, Bienenwachs, Blütenwasser und Toilettessig für ihre tägliche Beautyroutine.

Die Cremchen und Wässerchen ließ sie sich jeden Donnerstag und Sonntag, stets frisch zubereitet von der K&K Hofapotheke liefern.
Vor allem „Vinaigre de toilette" gehörte zu den ganz besonders edlen Mittelchen ihrer Zeit, versehen mit Sisis geliebten Veilchen war er wahrscheinlich ihr persönliches "Beauty must have".

Den "feinen aromatischen Toilette Essig" hat ein gewisser Monsieur Jean Vincent Bully in seiner "boutique de parfumeur et de produits cosmétiques" im Paris des 19. Jahrhunderts entwickelt. (Wer auf Zeitreise gehen möchte: beim nächsten Paris Trip unbedingt zu Geschäftszeiten einen Abstecher in die 6 Rue Bonaparte einplanen.)

Dank Bully wurde aus Essig weitaus mehr als "nur" Heilmittel das man bereits seit der Antike sehr schätzte.

Ein wohlklingender französischer Name, ein hübscher Flacon und das alles aus der Weltstadt Paris verliehen dem Essig eine sexy Note und er wurde über die französischen Grenzen hinaus als „Vinaigre de toilette" bekannt und beliebt und war von den Toilette Tische der damaligen Zeit nicht mehr wegzudenken. Die Reinigung und Pflege mit diesem Wässerchen soll tatsächlich einen höheren Stellenwert gehabt haben als die anschließende Pflege mit diversen Cremchen.





Der Toilette Essig war abseits der Reinigung aber auch sonst vielseitig einsetzbar, im "Handbuch der gesamten Parfumerie und Kosmetik" schrieb man kurz nach 1900 dazu:
"Die aromatischen Essige werden in Form von Zerstäubungen verwendet, um die Zimmerluft zu reinigen oder aber als Zusatz zum Waschwasser, zum Einreiben nach dem Rasieren und in allen Fällen wo man die astringierende bzw. neutralisierende Wirkung der Essigsäure nutzbar machen will."

Ein wahrere Allrounder und daran hat sich bis heute nichts geändert, auch heute kannst du Vinaigre de toilette verwenden für...

...die Hautpflege:
dank der natürlichen Säure (bitte immer nur verdünnt anwenden!) wirkt Toilette Essig beruhigend, reinigend, adstringierend, straffend, entzündungshemmend und Hautbild verfeinernd.
Der leicht saure ph Wert ermöglicht es nach einer alkalischen Reinigung mit Tensiden die Hautbalance rasch wieder herzustellen.
Im Sommer profitieren sonnenstrapazierte oder von Insektenstichen juckende Haut, aber auch stinkende Füße von seiner kühlenden und regenerierenden Wirkung.


...die Haarpflege:
im Prinzip die heutzutage in "Öko Barbie" Kreisen bekannte und geschätzte "saure Rinse"
Verdünnter Toilette Essig spült alkalische Seifenreste und Kalkrückstände nach der Haarwäsche aus und glättet die Haaroberfläche.
Zwischendurch auf das trockene Haar aufgesprüht sorgt Toilette Essig für Glanz, macht das Haar leichter kämmbar und entfernt zudem schlechte Gerüche. (Der Essiggeruch selbst verfliegt.)

...die Rasur:

Nach der Rasur aufgesprüht wird die Haut beruhigt und eventuelle kleine Wunden desinfiziert.

...noch viel mehr:
Kosmetik die man auch essen kann ist immer erwünscht und toll. Darum kann der aromatische Essig natürlich auch als Salatdressing oder verdünnt als Erfrischungsgetränk genossen werden.
Und wenn das alles nichts für dich ist, dann ab aufs Klo damit, als ökologischer Raumerfrischer.


Die kaiserliche Pflege ist schnell zubereitet und auch wenn Kosmetik Artikel für die einfache bis normalsterbliche Bevölkerung im 19. Jahrhundert meist unerschwinglich waren, so ist doch stark anzunehmen, dass unsere Ur-Ur-Ur Großmütter dank der einfachen Verfügbarkeit der Zutaten ihr Essigwässerchen, wie so vieles damals, einfach selbst zubereitet haben.

Und das kannst du heute selbstverständlich auch:



That´s it für Minimalisten.
Wenn du das Ganze ein bisschen aufwändiger gestalten möchtest, kann statt Quellwasser (gibts in Wien in der Leitung) auch ein Hydrolat verwendet werden oder Glyzerin (max. 10%), Tinkturen oder auch ein paar Tropfen ätherisches Öl zugefügt werden.
In verschiedenen Rezepturen nach Bully sind bis zu 7 ätherische Öle (z.B. Bergamott, Zitrone, Rosmarin, Lavendel, Neroli, Nelke), diverse Tinkturen (aus z.B. Benzoe, Styrax, Moschus), Alkohol oder Melissengeist sowie Blütenwasser aus Orange oder Rose angeführt. Es gab aber eben auch ganz minimalistische Rezepturen.

Wer jetzt fleissig Veilchen sammelt (natürlich eignen sich aber auch andere Pflanzen dafür) kann sich so einen Jahresvorrat ansetzen und davon immer wieder eine kleine Menge Essig nach Bedarf ruckzuck und frisch im Falcon verdünnen und eventuell mit weiteren Lieblingszutaten ergänzen. Ich verwende dafür eine 50ml Zerstäuberflasche und bereite mir je nach Verwendung alle 2 Wochen meine Mischung frisch zu und passe dabei die Zutaten meinen aktuellen Bedürfnissen an.





Wie unterstützt das Veilchen unsere Haut?
So bescheiden und zart das Veilchen erscheint, wurde es ebenso wie Essig, bereits in der Antike für seine Heilkräfte geschätzt. Es gilt in der Schönheitspflege als beruhigend, erweichend und entzündungshemmend. Ähnlich wie die Rose ist das Veilchen eine Pflanze, die eigentlich fast jede*r mag. Auf mich wirkt sie wie ein liebliches aber selbstbewusstes junges, wunderschönes Mädchen, mag sein, dass man sich nach Anwendung die Übertragung dieser Eigenschaften verspricht ;)


Wo und wann wird gepflückt?
Veilchen gedeihen am liebsten im Halbschatten an Hecken und Zäunen, am Waldesrand aber auch mitten im Rasen und man kann es in vielen (Wiener) Gärten finden. Alle heimischen Veilchenarten sind essbar, besonders beliebt ist das wohlriechende Veilchen (Viola odorata). Die Blütezeit beginnt meist schon Anfang März und kann bis Ende April andauern, in dieser Zeit kannst du die Blüten pflücken und am besten gleich ganz frisch verwenden.


Übrigens: im mittelalterlichen Wien war die Freude über das erste Veilchen sogar so groß, dass der Herzog persönlich ausrückte um es zu begrüßen und dabei ein rauschendes Frühlingsfest gefeiert wurde.





Auch bei mir ist die Freude über diese wunderschönen Frühlingsboten in meinem Garten jedes Jahr groß. In diesem Sinne wünsche ich auch dir ein rauschendes Frühlingsfest und kaiserliches Vergnügen in deinem Badezimmer mit deinem vielleicht schon bald neuen Liebling "Vinaigre de toilette violette".

Kommentare